Wie uns ein Toter in die Quere kam…

Eigentlich hatte ich ja einen ganz anderen Beitragstitel vorgesehen – irgendwas mit „Drittelmarathon“ sollte es werden. Diesen Lauf über 14,065 Kilometer gibt es tatsächlich; er findet seit 2003 jährlich in Potsdam statt und muss innerhalb von 2 Stunden absolviert werden. Da dieser Marathon aber bestimmt nur eingefleischten Läufern bekannt ist und wir das vorgegebene Zeitlimit ganz bestimmt massiv überschreiten würden und der oben zu sehende Beitragstitel sowieso viel spannender klingt, habe ich mich schlussendlich dagegen entschieden.

Unseren Drittelmarathon haben wir dann trotzdem absolviert – aber der Reihe nach:

Nach einem ausgedehnten Frühstück verließen wir das Hotel am späten Vormittag und wären am liebsten gleich wieder umgekehrt. Der frühmorgens einsetzende Sprühregen war zwar inzwischen verschwunden, dafür wehte jedoch ein ordentlicher Wind, der uns die Röte auf die Wangen und Tränen in die Augen trieb. Ausgestattet mit Mütze, Handschuhen und hochgezogener Jackenkapuze marschierten wir trotzdem tapfer in Richtung Regierungsviertel, wo wir um halb zwei „verabredet“ waren, um Dachterrasse und Kuppel des Reichstagsgebäudes zu besuchen.

Eine Verabredung kommt jedoch nur zustande, wenn man sich über ein Online-Formular auf den Internetseiten des Deutschen Bundestages zur Besichtigung anmeldet. Die Anmeldung hatte das Familienoberhaupt noch geschwind einen Tag vor der Abreise nach Berlin vorgenommen und so wurden unsere Namen nach Vorlage des per E-Mail zugestellten Einladungsschreibens sowie der Personalausweise auf der Gästeliste abgehakt. Ein Eintrittsgeld wird übrigens nicht erhoben und auch die Nutzung eines Audio-Guides ist kostenfrei – ich finde das angesichts unserer aktuellen Steuerlast sehr freundlich vom Gastgeber ;-)

Die Besucherterrasse konnte wegen des unwirtlichen Wetters leider nicht betreten werden, so dass Fotos der Umgebung leider nur durch die mit Regentropfen verzierte Glaskuppel aufgenommen werden konnten. Aus diesem Grund blieb die Ausbeute auch eher gering.

Der Berliner Dom sollte unser nächstes Ziel sein. Obwohl ich beruflich bedingt vier Jahre in dieser Stadt gelebt habe und evangelisch getauft bin, hatte ich es in der Vergangenheit nie geschafft, einen Fuß über die Schwelle der größten protestantischen Kirche Deutschlands zu setzen…

Der Weg führte uns die Dorotheenstraße entlang, vorbei an unzähligen Häusern, hinter dessen Fassaden offenbar Politik gemacht wird – vorbei Hauseingängen, die von lebensgroßen Steinfiguren bewacht werden – vorbei am überlebensgroßen Mann, der mit dem Kopf unbedingt durch die Hauswand will – vorbei an Fassaden, an denen immer noch Einschusslöcher aus den letzten Tagen des zweiten Weltkrieges zu finden sind – bis zum Berliner Dom, den wir nur von außen bewundern konnten, obwohl die erst eine Stunde zuvor konsultierte Webseite für Montags eine Öffnungszeit bis 19 Uhr angegeben hatte.

Der Grund für die verschlossene Domtüre – und für den Beitragstitel dieses Blog-Eintrags – stand auf einem Plakat, was ich vor lauter Enttäuschung nicht einmal mehr fotografiert habe: Zur Vorbereitung auf den Trauergottesdienst und Staatsakt, der zwei Tage später zu Ehren des kürzlich verstorbenen Bundespräsidenten a.D. stattfinden sollte, war der Dom nicht zugänglich. Ich hätte nie gedacht, dass der uns mal in die Quere kommen würde… Good bye, Herr von Weizsäcker!

Schmollend und zum tristen Winterwetter passend, zogen wir grummelnd von dannen und nahmen den Rückweg über die Straße Unter den Linden, wo wir als kleines Trostpflaster zuerst die kreisrunde St.-Hedwigs-Kathedrale besuchten, bevor wir am Gendarmenmarkt und vorbei am Holocaust-Mahnmal bis zum Potsdamer Platz wanderten, wo wir eigentlich den Bus nehmen wollten, der jedoch nicht auf uns warten wollte und wir nicht auf den Nächsten, der für zwölf Minuten später angekündigt war.

Es war schon dunkel, als wir mit geschundenen Füßen und mit zwischen den Kniekehlen hängenden Mägen ein kleines, asiatisches Restaurant in der Nähe unseres Hotels überfielen, wo wir für wenig Geld ein scharfes Green Curry und ein aromatisches Gericht mit Erdnusssauce verspeisten.

Zurück im Hotel rekapitulierten wir die insgesamt zurückgelegte Wegstrecke unseres Drittelmarathons und bekämpften den beginnenden Muskelkater mit einem heißen Bad in einer für zwei Personen viel zu kleinen Badewanne.

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