Faul am Morgen & blau am Abend

Bedingt durch einen kapitalen Muskelkater konnten wir uns an diesem Morgen nur im Zeitlupentempo bewegen und so beschlossen wir, faul zu sein und das Auto als Fortbewegungsmittel für einen Abstecher nach Potsdam zu nutzen. Eigentlich hatte ich dem liebsten aller Reisebegleiter nur meine ehemalige Nachbarschaft nahe der Glienicker Brücke sowie die wunderschön hergerichteten Häuser im Holländischen Viertel sowie den traumhaften Garten von Schloss Sanssouci zeigen wollen – irgendwie kam dann aber doch alles ganz anders:

Als wir im Schritttempo (flottere Fahrt ist aufgrund des sehr in die Jahre gekommenen, und mit tiefen Löchern versehenen Straßenbelags, selbst mit einem langbeinigen SUV nicht empfehlenswert) durch das Einbahnstraßen-Labyrinth der Berliner Vorstadt mit den repräsentativen Villen und ausgedehnten Gärten fuhren, entdeckten wir einen Wegweiser zum Cecilienhof und wir entschlossen uns zu einem kurzen Abstecher zu diesem für die Nachkriegsgeschichte bedeutenden Ort.

Das von der Bevölkerung übrigens recht respektlos als „Schornsteinfeger-Akademie“ bezeichnete Gebäude beherbergt 176 Zimmer und verfügt über 55 größtenteils unterschiedliche Schornsteine, die allesamt nur der Zierde dienen, da während der Entstehung vor fast 100 Jahren nach allen Regeln der damaligen Baukunst eine Zentralheizung installiert wurde.

Wir entscheiden uns spontan, nicht nur die Außenfassade zu bestaunen und haben gleich doppelt Glück: Im Tausch gegen 6 Euro pro Person dürfen wir an einer Führung teilnehmen, die bereits wenige Minuten nach unserer Ankunft starten wird. Da wir nur zu sechst sind und alle Besucher Deutsch sprechen, erhalten wir eine richtige Führung und werden von einer spannend erzählenden Historikerin durch das Haus geführt – anstatt uns einen dieser Audio-Guides um den Hals hängen zu müssen, die es mittlerweile an vielen Touristen-Spots gibt.

Eine gute Stunde später stehen wir beeindruckt wieder vor dem Gebäude – die aus Polen stammende Historikerin hatte uns durch ihre lebendige Erzählweise auf eine echte Zeitreise geschickt und wir können einen Besuch gerade in der kalten Jahreszeit wärmstens empfehlen: Im Sommer werden nämlich an die Tausend Menschen täglich durch das Haus geführt; sicherlich ohne individuelle Gespräche mit den dort beschäftigten Historikern…

Im Winterschlaf (und damit nur von außen zu besichtigen) befindet sich das Belvedere auf dem 76 Meter hohen Pfingstberg, den wir anschließend besuchen. Das Gebäude sollte ausschließlich wegen der schönen Aussicht errichtet werden, jedoch wurde der Bau aus finanziellen Gründen Mitte des 19. Jahrhunderts gestoppt und nach dem Tod von Friedrich Wilhlem IV nicht in der ursprünglich geplanten Form vollendet. Nachdem der zweite Weltkrieg seine Spuren hinterlassen hatte und auch die DDR-Zeit dem Renaissance-Gebäude nicht gut tat, konnte ein Förderverein nach der Wende genügend Spendengelder einsammeln, um es umfassend zu restaurieren. Ab April kann man hier wieder Theateraufführungen, Konzerte und Ausstellungen besuchen, Mondnächte erleben oder es für Veranstaltungen, z.B. die eigene Trauung mieten.

In der Gegend rund um Hegelallee und Holländischem Viertel gibt es mittlerweile nur noch sehr wenige Häuser, die dem Verfall preisgegeben und nicht wieder hergerichtet sind. Das war vor meinem Umzug nach Unterfranken vor 15 Jahren ganz anders und ich freue mich über das optisch ansprechende Stadtbild. Fast möchte ich wieder hierher ziehen…

Obwohl eigentlich schon Zeit für Kaffee und Kuchen wäre, serviert man uns in der „Indian Villa“ noch das Mittagsangebot, bestehend aus Chicken Madras bzw. Chicken Masala mit Suppe vorweg für jeweils 5,50 €. Auf „Indisches Bier vom Flashe“ verzichten wir – schließlich haben wir später noch etwas vor.

Zurück im Hotel haben wir noch ein wenig Zeit, uns und die lädierten Füße ein wenig auszuruhen, bevor wir uns einen kleinen Snack sowie ein Glas Rotwein in der Lounge genehmigen und uns anschließend – immer noch faul – mit dem Taxi zum Potsdamer Platz bringen zu lassen, wo „my man“ mich zu den „blue men“ ins Bluemax-Theater eingeladen hat.

In Reihe 2 bleibt auf den Plätzen 3 und 4 im wahrsten Sinne des Wortes trotz blauem Plastikponcho kein Auge trocken. Sound und Performance der Blue Man Group sind gigantisch und die eineinhalbstündige Vorstellung vergeht wie im Flug. Schade nur, dass blaues Licht absolut ungeeignet ist, optisch ansprechende Fotos zu machen. Trotzdem war es toll – vielen Dank, mein lieber Schatz!

2 Kommentare

  1. Na so was – da hatte ich doch auf pikante Enthüllungen über hemmungslosen Alkoholkonsum gelauert ;-)
    Aber du machst mir richtig Lust auf Potsdam, da wollten wir schon lange mal wieder hin (das letzte Mal war kurz nach der Wende – da sah alles noch ziemlich desolat aus …)
    Und die Blue Men – einfach toll!!! Offenbar immer noch!
    Liebe Grüße aus Neuseeland!

  2. Touché, genau so ein Täuschungsmanöver hatte ich im Sinn und ich kann verraten, dass der angebotene Merlot ganz vorzüglich zum Käse geschmeckt hat. Über die Anzahl der insgesamt geleerten Gläser wurde Stillschweigen vereinbart ;-)

    Potsdam ist wirklich wunderschön. Falls Ihr vorhabt, ausnahmsweise mal in der Nähe zu verreisen, kann ich das Dorint in der Jägerallee oder das NH Voltaire in der Hegelallee empfehlen.

    Liebe Grüße in die Ferne!

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