Dunkle Orte…

Während wir uns gestern in Potsdam einfach hatten treiben lassen, gab es für heute ein festes Programm mit relativ weit auseinander liegenden Besuchsorten. Um diese möglichst komfortabel erreichen zu können und nicht nur die dunklen Schächte der Berliner U-Bahn zu sehen, nahmen wir wieder das Auto.

Passend zur dunklen Jahreszeit war unser Plan, ein paar „dunkle“ Orte in Berlin zu besuchen und so fuhren wir zuerst zum größten jüdischen Friedhof Europas in Berlin-Weißensee. Hier sind mehr als 100.000 Grabstellen verzeichnet, die im Gegensatz zu christlichen Gräbern üblicherweise nicht bepflanzt und auch nicht mit Schnittblumen belegt werden. Und noch etwas ist anders: Während christliche Begräbnisstätten üblicherweise nach 30 Jahren von Angehörigen neu „gemietet“ werden müssen, damit sie nicht erneut durch eine anderen Verstorbenen belegt werden, ist eine Grabstätte in der jüdischen Religion unantastbar und wird daher niemals neu belegt.

Normalerweise wird auf traditionellen jüdischen Friedhöfen die Gleichheit der Verstorbenen durch Grabsteine symbolisiert, die allesamt die gleiche Höhe aufweisen und eher schmucklos gehalten sind. Hier in Weißensee jedoch gibt es viele Prachtgrabmale wohlhabender Juden, die sich offenbar von den repräsentativen Grabstätten vermögender Christen auf anderen Berliner Friedhöfen beeinflussen ließen. Ein eindrucksvoller Ort mit einer ganz eigenen Schönheit…

Ortswechsel. Berlin-Hohenschönhausen. Eines der bestgehüteten Geheimnisse der DDR – das Stasi-Untersuchungsgefängnis in der Genslerstraße. Hier wurden zwischen Kriegsende und der Wende viele Menschen inhaftiert – die genaue Zahl kennt man bis heute nicht…

Die Gedenkstätte arbeitet mit Zeitzeugen zusammen und so schildern ehemalige Häftlinge den bedrückenden Alltag eines Gefängnisinsassen, den sie ehemals am eigenen Leib erfahren haben: Tägliche, stundenlange Verhöre durch einen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, Isolation, Einzelhaft, Schlafentzug und psychischen Druck, z.B. die Ankündigung der Inhaftierung von Angehörigen haben Häftlinge erdulden müssen, die oftmals jahrelang ohne Gerichtsbeschlüsse an einem Ort festgehalten wurden, den sie überhaupt nicht kannten. Flucht war unmöglich. Wie hätte man auch fortlaufen können, wenn man nur den kleinen Raum kennt, indem man schläft, isst und sich wäscht – der Blick nach draußen aber entweder durch ein fehlendes Fenster oder von Glasbausteinen versperrt ist?

Herr Warnke hat viele Orte aufgesucht, an denen Menschen in der ehemaligen DDR inhaftiert wurden – immer auf der Suche nach dem Ort, an dem er selbst eingesperrt war. In Hohenschönhausen erkannte er während einer Führung die Zelle 115 als den Ort wieder, an dem er 1975 vier Wochen lang inhaftiert war. Seit 2009 führt er Besuchergruppen durch die Gedenkstätte und möchte auf diese Weise seinen Teil dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen davon erfahren, auf welch perfide Weise politische Verfolgung und Unterdrückung stattgefunden hat.

Wer eine Reise nach Berlin plant, sollte unserer Meinung nach unbedingt einen Besuch der Gedenkstätte Hohenschönhausen einplanen. Das Eintrittsgeld in Höhe von 5 Euro ist sehr gut investiert. Eine Führung ist – vor allem aufgrund des Augenzeugen-Berichts – eindrucksvoller, als Fernsehfilme oder schriftliche Lektüre es je sein können.

Mein Bedarf an „düsteren“ Informationen war an diesem Tag eigentlich schon gedeckt. Allerdings meinte der Lieblingsreisebegleiter, dass der Besuch des Stasi-Museums in Berlin-Lichtenberg noch gut zum heutigen Tagesprogramm passen würde. Als gute Ehefrau fügte ich mich also meinem Schicksal und fuhr zu dem mehr als 20 Hektar großen Areal an der Normannenstraße. In Haus 1 – und damit am ehemaligen Dienstsitz von Erich Mielke – ist das Museum untergebracht, in dem auf vier Etagen darüber informiert wird, wie sich das „Schild und Schwert“ der SED formierte und wie die zuletzt 91.000 hauptamtlichen und fast 190.000 inoffiziellen Mitarbeiter verwaltetet wurden.

Wer hierher kommt, sollte Zeit mitbringen. Viel Zeit. Uns haben gut zwei Stunden nicht gereicht, um die Menge an umfangreich dokumentierten Exponaten sowie Fotos der Ausstellung zu erfassen. Die Denkweise, dass man auch die Überwacher des Staates selbst überwacht, da man laut Erich Mielkes Meinung „alles wissen“ müsse, ist uns absolut fremd und bereitet Kopfschmerzen. Und gleichzeitig sind die Ereignisse um Edward Snowden oder die NSA-Abhöraffäre so aktuell, dass einem fast schlecht wird, wenn man sieht, dass bereits vor fast 30 Jahren heimlich Geruchsproben angefertigt und aufbewahrt wurden, um sie im Bedarfsfall gegen die Staatsbürger der DDR einsetzen zu können…

1 Kommentare

  1. Wer weiß, was die Stasi noch alles unternommen hätte, wenn sie die technischen Möglichkeiten gehabt hätte? In den USA hat man ja schon frühzeitig auf „Intelligence“ gesetzt. :-(

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